Der ehemalige Exilkanadier Jeremy P Caulfield wird gerne als elektronischer Edelmann bezeichnet. In Toronto gehört er nicht nur zu den festen DJ-Größen, sondern auch und vor allem zur DJ-Geschichte der Stadt und in den frühen 2000er Jahren hat er seinen vorläufigen Bestimmungsort in Berlin gefunden. Als Gründer des Labels Dumb-Unit vereint er eine Schar renommierter Produzenten unter einem Dach und ist weltweit als erfolgreicher DJ unterwegs.

Das Gastspiel bei der nächsten Harry Klein Clubnacht im Karlsruher Gotec am 01. Mai 2010 haben wir als Anlass genommen, Jeremy bei einem interessanten Interview ein wenig näher kennen zu lernen.


Jeremy, vor einigen Jahren bist du von Toronto (Kanada) nach Berlin gezogen. Welche Gründe haben dich zu diesem sicher lebensverändernden Schritt bewogen?
Damals hat sich alles, was ich getan, gespielt und geschaffen habe um deutschen Techno gedreht, insofern war dies für mich eine natürliche Entwicklung. Ich verbrachte einen Sommer lang in Berlin und war begeistert von der Stadt und alles, was damit zu tun hat - also habe ich beschlossen, zu bleiben. Ich hätte wohl auch einen Winter lang bleiben sollen, denn das ist nochmal eine ganz andere Geschichte.


Du hast dadurch einen guten Überblick über die Szene in Deutschland, wie auch in den USA und Kanada gewinnen können. Was denkst du, worin liegen die größten Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten?

Ich würde sagen, es gibt nicht viele Gemeinsamkeiten, zumindest nicht, als ich damals angefangen habe. Zu Kompakt in Köln zu gehen und dort Wolfgang, Riley, Michael und der ganzen Crew zu begegnen war für mich ein Schritt in eine völlig neue Welt. Das waren Menschen, die getan haben, was sie lieben und sie hatten eine treue Fangemeinde. In Kanada gab es nicht viele, die dies von sich behaupten konnten - nur die Superstar DJs, die von Stadt zu Stadt zogen oder ein paar gescheiterte Locals aus der Raveszene. Insofern konnte ich bei meinen ersten Besuchen viel darüber lernen, wie man eine Marke etablieren, sich ein Netzwerk schaffen kann und vieles mehr. Das war eine wirklich spannende Zeit für mich und ich bin ehrlich froh, dass meine erste Berührung mit Techno in Deutschland in Köln und nicht in Berlin stattfand. Berlin setzt völlig andere Prioritäten, es geht mehr um 'Fashion, Partying and Attitude', aber auch davon habe ich gelernt.


Kleiner Ausflug in die Vergangenheit: wie hast du zur elektronischen Musik gefunden, ganz besonders zu Techno?

Ich bin in Hong Kong aufgewachsen und diese Stadt hat am meisten zu meiner Liebe zu Techno beigetragen. Viele britische DJs lebten in Hong Kong und spielten sehr viel Manchester und Factory Stuff, was mich auf eine sehr abstrakte Art und Weise zur elektronischen Musik gebracht hat. Im Gegensatz zu Kanada waren die Discos dort recht cool und so kam ich während dieser Zeit mit einer Menge großartiger Musik in Berührung und vieles davon war elektronisch. Als ich nach Kanada zurückkehrte haben die Raves gerade erst begonnen und so wurde ich direkt eingebunden. House und Jungle standen zur Auswahl, also habe ich mich für House entschieden. Natürlich kann man House nur bis zu einem Alter von 18 Jahren spielen (lächelt) und somit bin ich zu Techno gekommen.


Sehr interessant. Dann lass uns doch in der Vergangenheit bleiben, welche Künstler haben dich auf deiner musikalischen Reise besonders beeinflusst?

Ganz sicher Richie Hawtin. Die Universität auf die ich ging, war nur zwei Stunden von Detroit entfernt und wir sind an den Wochenenden runter gefahren und gingen zu den Jak Partys um Richie spielen zu sehen. Die Partys waren atemberaubend, der totale Wahnsinn. Einige der anderen Künstler aus Detroit wie Mike Banks und die Underground Resistance hatten auch einen großen Einfluss auf mich, aber niemand konnte den Geist dieser Zeit so gut einfangen, wie Richie es getan hat.


Vor genau zehn Jahren hast du das Label Dumb-Unit gegründet. Was als 'simply an exercise' begann, ist längst etabliert und geht mit gestandenen Künstlern der Szene wie Sweet N Candy, Seph, Butane, Maetrik - um nur einige zu nennen - und selbstverständlich dir selbst an den Start. Welche Idee verbirgt sich hinter Dumb-Unit und wie würdest du die Entwicklung über das letzte Jahrzehnt beschreiben?

Es war eigentlich nie mehr als das. Es ist eigenartig, mein eigenes 'Zen'. Es ist einfach etwas, dass ich tun muss, ich denke nicht einmal darüber nach. Es ist für mich wie Atmen, ich wache auf und arbeite einfach an dem Label … Sehe nach, was zu tun ist, füge dieses Stück mit diesem zusammen und das andere dort und beobachte, wie es funktioniert. Manche Jahre sind gut, manche nicht. In manchen Jahren wird viel Wirbel um uns gemacht, in anderen nicht. Jetzt wo wir zehn Jahre alt sind, kann ich sagen, dass man etwa fünf davon ernst nehmen kann - davor wussten wir nicht, was wir taten. Ich meine, in Kanada hatten wir zu dieser Zeit nichts etabliert, insofern hatten wir keine Ahnung, wie wir das Label betreiben sollten. Ich selbst weiß es immer noch nicht. (Lacht.) Ich denke, das ist der Grund, warum wir noch immer am Leben sind.


Gibt es auch eine ganz bestimmte Veröffentlichung des Labels, die dir besonders am Herzen liegt - sozusagen ein 'All Time Favorite'?

Ich mag Lee Curtiss's Release besonders, die erste Platte von Butane und auch das erste Werk von Jake Fairly.


Welche aktuellen Releases stehen auf Dumb-Unit an, was können wir in den nächsten Monaten erwarten?

Wir releasen im Moment viel mehr und viel aktiver als jemals zuvor. Aus irgendeinem Grund hat das zehnjährige Jubiläum eine ganz neue Art von Energie freigesetzt. So wird gerade an einer Menge an Neuerscheinungen gearbeitet, darunter ein neues Album von Seth, eine neue Veröffentlichung von Cesare und Disorder, eine neue Maetrik und viele andere Goodies …


Da du nun schon länger im Label-Geschäft aktiv bist: wie beurteilst du das Fortschreiten des digitalen Zeitalters? Sind die Tage des Vinyl gezählt?

Definitiv. … Jeder beschwert sich darüber, dass Vinyl stirbt, aber nur sehr wenige haben wirklich etwas dagegen unternommen. Vinyl wird genau so hergestellt, verkauft und vertrieben, wie das schon vor 20 Jahren der Fall war. Im Wettbewerb hat diese Strategie also offensichtliche Schwachstellen: Vinyl ist zu teuer, als das es ein Massenmedium sein könnte. Natürlich ist es schade, aber die Zeiten ändern sich. So einfach ist es. Und im Moment versuchen die daran beteiligten Menschen - wie bei jeder aussterbenden Industrie - Mittel und Wege zu finden, um ihren Job zu behalten. Ich sehe dort keine wirkliche Leidenschaft, Vinyl am Leben zu erhalten, ich sehe Leidenschaft, wenn es darum geht den Job zu behalten. Wem wirklich etwas an Vinyl liegt, der wird es weiter kaufen, aber nur wenige im Business helfen diesen Menschen. Eine Platte sollte fünf Euro kosten, nicht mehr. Besonders bei Dance Music, wo zehn Platten auf einmal gekauft werden. Aber die Herstellung ist einfach zu teuer. Also denken wir eher aus der Sicht der Sammler: Limited Edition, Special Artwork usw. … Aber auch dies ist ein sehr teurer Weg, Vinyl am Leben zu erhalten, dennoch wird es seinen Zweck erfüllen. Als Massenmedium ist Vinyl allerdings tot.


Neben deiner Labeltätigkeit bist du auch rund um den Globus als DJ unterwegs. Was war eines deiner verrücktesten Erlebnisse on stage?

(Zögert.) Hmm, was unterwegs passiert, bleibt unterwegs. (Lacht.)


Aus der Sicht eines Künstlers: welche anderen Musikrichtungen begeistern dich neben Techno und Minimal?

Ich mag Ambient, Down Tempo, New Classical, Drone, Soundscapes … Für moderne Musik bin ich immer zu haben, aber eher kein Hörer von Jazz und dergleichen.


Vielen Dank für das Interview! Wir freuen uns auf dich und dein Set bei der Harry Klein Clubnacht am 01. Mai 2010 im Gotec, Karlsruhe!



www.myspace.com/jpcaulfield
Dumb-Unit